Ansbach Plus | 27. Juni 2017 AN + | 27.06.2017

TSV Ansbach: Afghanischem Volleyballspieler droht die Abschiebung

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Mohammad Jafari soll zurück nach Afghanistan

Die Herrenmannschaft des TSV 1860 Ansbach Volleyball ist ein Musterbeispiel für Integration: Seit über einem Jahr spielen Einheimische und Flüchtlinge zusammen in der Kreisliga Süd. Die Mannschaft entstand aus einem Projekt, das der TSV für Flüchtlinge in Ansbach anbot: Alle Interessierten durften zum Volleyballtraining kommen und die Sportart ausprobieren. „Die Jungs haben schnell gelernt, waren immer da und wollten irgendwann richtige Spiele“, erzählt Uschi Strebel, die Trainerin der Mannschaft. Mittlerweile sind fünf Deutsche, sechs Afghanen und zwei Eritreer ein eingespieltes Team. Verständigungsprobleme und spielerische Schwächen sind überwunden: Die Mannschaft hat nun sogar die Chance auf den Aufstieg.

Die Volleyball Herrenmannschaft

Die Herrenmannschaft des TSV 1860 Ansbach Volleyball mit Trainerin Uschi Strebel. Foto: TSV 1860 Ansbach

Ein harmonisches Miteinander und ganz viel Spaß

Die Spieler nehmen ihren Sport sehr ernst, sind bei jedem Punktspiel da und engagieren sich im Verein. So übernehmen sie beispielsweise Arbeiten am Beach Feld, fahren zusammen auf Zeltlager und unterstützen die Damenmannschaft des TSV.

So viel gelungene Integration bleibt nicht ungewürdigt: Oberbürgermeisterin Carda Seidel sprach von einem „Beispielprojekt“ , der Präsident des Bayerischen Volleyball-Verbandes Klaus Drauschke von „offener, ehrlicher, leistungswilliger und erfolgreicher Integration“. Die Bundesregierung teilte vergangenen September ein selbstgedrehtes Video der Mannschaft unter dem Hashtag #Deutschlandkanndas auf Facebook.

#Deutschlandkanndas! Es gibt schon mehr als 550 Beispiele dafür, dass die Integration von Flüchtlingen gelingt. Die Volleyball-Herren dieses Bayerischen Sportvereins zum Beispiel spielen gemeinsam mit Flüchtlingen – und geben einen Einblick ins Training mit ihrem selbst gedrehten Clip. www.deutschland-kann-das.de

Posted by Bundesregierung on Samstag, 17. September 2016

Zudem wird der Verein Mitte März im Berliner Kanzleramt von Angela Merkel für sein Engagement in Sachen Integration gewürdigt.

Neues Zuhause in Ansbach

Sportlicher Erfolg und ein Vorbild für Integration. Besser konnte es gar nicht laufen – bis einen der Spieler in der ersten Februarwoche ein Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge erreichte. Der 18-jährige Mohammad Jafari (Bild: Hintere Reihe, Spielernummer Acht) soll abgeschoben werden. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt.

„Das war ein extremer Schock, wir waren alle ratlos“, so Uschi Strebel. Mohammad lebt seit vier Jahren in Ansbach, er ist als Jugendlicher nach Deutschland geflohen und ist hier hervorragend integriert: Er absolviert eine Einstiegsqualifizierung für die Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker bei der Firma Theo Däschlein in Bechhofen. Mohammad macht sich gut, sein Ausbilder will alles daran setzen, ihn zum ersten September zu übernehmen.

Auch der TSV Ansbach macht sich für Mohammad stark. Seine Volleyballmannschaft will nicht auf ihn verzichten. Zusammen mit der Regionalgruppe Ansbach der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken startete der Verein eine Solidaritätsaktion für Mohammad: 711 Personen protestierten mit einer Unterschrift gegen die Abschiebung des jungen Afghanen. Die Bürgerbewegung forderte den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann dazu auf, sich für das Bleiberecht Mohammads einzusetzen. Hermann ist selbst Mitglied der Regionalgruppe Nürnberg, zeigte bislang aber noch keinerlei Reaktion.
„Ich denke es ist wichtig, das Thema immer wieder anzusprechen, Druck zu machen, damit so etwas nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden kann“, sagt Uschi Strebel. Abteilungsleiter Dr. Tilman Botsch und der Sprecher der Regionalgruppe Ansbach der Bürgerbewegung Ulrich Rach sehen im Fall Mohammads ein Beispiel dafür, wie Abschiebungspraxis und -politik nicht funktionieren dürfe.

Am 20. März hat Mohammad einen Termin mit einem Anwalt. Wann die Gerichtstermine stattfinden, ist laut der Trainerin der Mannschaft unklar. Es könne sich zwischen sechs Wochen und einem halben Jahr hinziehen.

„Loben und zerstören im selben Zug“

Die drohende Abschiebung wirft einen großen Schatten auf die Einladung aus Berlin. Einerseits freue man sich, dass die Mühen und die gelungene Integration gewürdigt werden. Andererseits werden sie im selben Zug wieder zerstört. Uschi Strebel äußert sich dazu: „Es ist völlig makaber. Als ob sie sagen: Das, was ihr gemacht habt, machen wir wieder kaputt!“

Die Mannschaft kann ohne die Flüchtlinge nicht am Spielbetrieb teilnehmen. Mit der Abschiebung werden dem TSV die Spieler weggenommen.

Am 17. März geht es für Uschi Strebel dennoch nach Berlin. Sie hofft, die Gelegenheit zu bekommen, auf einer Podiumsdiskussion mit weiteren Ehrenamtlichen aus Deutschland die Problematik anzusprechen. Vorbildliche und gut integrierte Flüchtlinge abzuschieben, dürfe keine Praxis sein. Neben dem Ziel, politisch etwas zu erreichen, will sie das Beste aus dem Wochenende machen und reist deshalb nicht alleine in die Hauptstadt: Die ganze Mannschaft und zwei Kolleginnen aus dem Projekt werden sie begleiten.

Der Sport lenkt ab

Der Sport und das Training ist laut Strebel für die Flüchtlinge extrem wichtig. Es sei ein fester Anhaltspunkt, zwei mal in der Woche zu trainieren und zu spielen. Die Jungs könnten ihre Probleme ein Stück weit vergessen und sich einfach mal ablenken. „Natürlich sind alle betroffen und überlegen, wie sie einander helfen können. Aber im Training wollen sie einfach nur spielen.“

Von den sechs Afghanen ist einer anerkannt und einer minderjährig. Neben Mohammad hängen also drei weitere Spieler in der Luft, die jeden Tag einen Ablehnungsbescheid befürchten müssen. „Afghanistan ist kein sicheres Land. Die Meisten haben ihre Heimat als Jugendliche verlassen und haben zwei Jahre gebraucht, um bis nach Deutschland zu kommen. Sie können ein bisschen griechisch, ein bisschen türkisch und haben sich durchgekämpft ohne Geld und ohne Papiere“, erzählt Strebel. Sie könne allein von den Erzählungen der Flüchtlinge nachts nicht schlafen.

Laut der Bürgerbewegung für Menschenwürde landeten die meisten der abgeschobenen Flüchtlinge auf dem Flughafen von Kabul – ohne Zukunftsaussichten und ohne jegliche Unterstützung. Der Herriedener Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Mangold schreibt in seinem Brief, das Vorgehen, die jungen Flüchtlinge erst in die Integration zu begleiten und sie anschließend unter ständiger Abschiebungsangst leben zu lassen, sei „katastrophal in seiner Auswirkung“. Es brächte nämlich „eine fahrlässige Gefährdung der seelischen Gesundheit, die bei Minderjährigen den Tatbestand einer Kindeswohlgefährdung gleichkommt“.

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